Sonntag, 5. Dezember 2010

Borreliose-Forschung in Deutschland ist tot...

glauben viele. Im Prinzip mag das stimmen, aber wie das kleine gallische Dorf, das Widerstand leistet, gibt es immer wieder auch wissenschaftliche Arbeitsgruppen, die nicht unter dem seit Jahren grassierenden "Viren-Tunnelblick" leiden, sondern sich den offensichtlich aus der Mode gekommenen Spirochätenbakterien widmen.

Die Arbeitsgruppe Infektionsimmunologie um Professor Dr. Wallich an der Uni Heidelberg ist so ein Leuchtturm in der Dunkelheit. Unter dem Förderkennzeichen DFG Wa533/7-1 u. Wa533/8-1 charakterisiert man dort neue Borrelia burgdorferi-Antigene für die Impfstoffentwicklung und untersucht die Pathogenese sowie die Escape-Mechanismen bei der Lyme Borreliose.

Ich will mal kurz zusammenfassen, was man herausgefunden hat:

Ein Teil unseres Immunsystems ist immer aktiv. Das ist das Komplementsystem. Damit unser Körper nicht durch die eigenen Zellen dieses Komplementsystems angegriffen werden kann, sind diese Zellen durch Eiweiße geschützt. Unser Körper kann damit weiter zwischen "Gut" und "Böse" unterscheiden.

Borrelia burgdorferi bilden an ihrer Oberfläche genau diese Eiweiße aus, so dass unser Immunsystem sie gar nicht als "böse" erkennt. Das Immunsystem greift nicht an und so überleben diese Tarnkünstler problemlos in unserem Körper. Die Forscher haben das natürlich anders formuliert, dort heißt es:

"Hinsichtlich der Fähigkeit, sich der lytischen Wirkung des Komplements (wichtiger Bestandteil der angeborenen Immunsystems) zu entziehen, konnten die Borrelien in drei Gruppen mit unterschiedlicher Sensitivität gegenüber humanem Serum eingeteilt werden. Serum (Komplement) resistente Borrelien Isolate exprimieren auf Ihren Oberflächen sog. CRASP (complement regulator acquiring surface protein) Moleküle, mit deren Hilfe die Regulatorproteine, Faktor H und FHL-1, der Komplementaktivierung aus dem Serum gebunden werden können. Dadurch sind Borrelien in der Lage, ihre Abtötung zu verhindern.

Es wurden verschiedene CRASP Moleküle, die als potentielle Virulenzfaktoren angesehen werden, inzwischen erfolgreich kloniert und als rekombinante Proteine hergestellt. Zukünftige Studien sollen die 3D Struktur der CRASP Moleküle aufklären und Ansatzpunkte für therapeutische Interventionen liefern.

Impfstoff gegen die Lyme Borreliose

Im Rahmen unserer Arbeiten wurde ein prophylaktischer Impfstoff gegen die Lyme Borreliose entwickelt, der nach erfolgreichem Abschluß der klinischen Prüfungen in den USA zugelassen worden ist. Der Impfstoff basiert auf dem rekombinanten Lipoprotein (OspA) von Borrelia burgdorferi Stamm ZS7. Das OspA Molekül weist bei europäischen Borrelien Isolaten eine ausgeprägte Heterogenität auf. In Europa wird ein polyvalenter Impfstoff notwendig sein. Die neueste Entwicklung im Bereich der Impfungen stellt die "genetische Immunisierung" dar. Sie beruht auf der Injektion von Plasmid-DNA. Wir konnten bereits im Maus-Modell der Lyme Borreliose die erfolgreiche Anwendung der DNA Vakzinierung nachweisen. Unsere experimentellen Daten weisen darauf hin, daß neben dem OspA noch andere Proteine als Impfstoff geeignet sind.

Escape Mechanismen von Borrelien

Die Erreger der Lyme Borreliose und die Rückfallfieber-Spirochäten, Borrelia burgdorferi und Borrelia hermsii, binden über Oberflächenproteine, sog. CRASPs, wirtsspezifische Komplementinhibitoren, Faktor H und/oder FHL-1, und können über diesen Escape-Mechanismus der angeborenen Immunabwehr entgehen. Komplementresistente B. burgdorferi Stämme exprimieren auf ihrer Oberfläche bis zu fünf verschiedene CRASPs, die verschiedenen Proteinfamilien angehören. BbCRASP-1 wird von komplementresistenten B. burgdorferi Stämmen während des Infektionszyklus in der Zecke und im Säugerwirt exprimiert. Kürzlich konnten wir die atomare Struktur des Faktor H/FHL-1 bindenden BbCRASP-1 Proteins aufklären. Die Struktur des BbCRASP-1 Homodimers weist eine bisher unbekannte Proteinfaltung auf. BbCRASP-1 bietet somit eine neue Zielstruktur für die Entwicklung von Therapieansätzen."