Dienstag, 27. Juli 2010

Neue Versuche, Lyme-Borreliose umzudefinieren?

Vor einiger Zeit wandte sich die US-amerikanische Patientenorganisation Lyme Disease Association (LDA) mit einem Brief an die Senatoren des US-Bundesstaats New Jersey, um gegen ein dort geplantes „Center of Excellence“ zu protestieren.

Hintergrund des Protests: Im geplanten „Exzellenz-Zentrum“ soll zu chronischen "neuro-endokrinen Immunstörungen" geforscht und neue Diagnose- und Therapieoptionen entwickelt werden. Das scheint zunächst einmal löblich, macht jedoch stutzig, wenn man liest, welche Krankheiten bzw. Beschwerdebilder dort den „neuro-endokrinen Immunstörungen" zugeordnet werden. Als da sind:

  • Chronisches Müdigkeitssyndrom (CFS)
  • Fibromyalgie
  • Golfkriegssyndrom
  • Lyme-Borreliose
  • multiple Empfindlichkeitsstörungen (gegen Chemikalien etc.) sowie weitere Umwelterkrankungen

Hintergrund: Seit Jahren ist eine internationale Arbeitsgruppe von CFS-Forschern, Ärzten und Patientenvertretern bemüht, einen neuen Namen für das „chronische Müdigkeitssyndrom“, zu finden. Diskutiert wird hierbei die Bezeichnung „neuroendocrine immune disorder“ (= neuro-endokrine Immunstörung). Und offensichtlich, wenn man schon mal dabei ist, packt man unter diese obskure Immunstörung gleich noch eine Handvoll anderer Syndrome.

Doch ist es wissenschaftlich und medizinisch korrekt, die Lyme-Borreliose als eine neuro-endokrine Immunstörung zu bezeichnen? Sicher ist, die Lyme-Borreliose ist definitiv kein "Syndrom", also ein Krankheitsbild mit unklarer Ätiologie.

Könnte die Bezeichnung "neuro-endokrine Immunstörung" nicht eher Borreliosepatienten und den sie behandelnden Ärzten einen Bärendienst erweisen? Nicht umsonst führt die LDA an, dass ein Patient, der unter Husten leidet, differenziert behandelt wird, je nachdem, ob sein Husten durch Lungenkrebs, Tuberkulose oder eine Erkältung verursacht wird. Sollten Therapien nicht in erster Linie auf die Ursachen der Erkrankung zielen – soweit sie bekannt sind, und nicht allein auf die Symptome? Oder, um bei diesem Beispiel zu bleiben, sprechen wir bei Tuberkulose demnächst von einem „chronischen Hustensyndrom“ oder bei Morbus Alzheimer vom „chronischen Vergesslichkeitssyndrom“?

Fakt ist: Die Lyme-Borreliose ist kein „Syndrom“ - das verursachende Pathogen der Lyme-Borreliose, Borrelia burgdorferi, ist seit Jahrzehnten bekannt; gleiches gilt für Diagnose- und Therapiemöglichkeiten dieser komplexen, bakteriellen Infektion. Alles Andere würde den zigtausend Studien widersprechen, in denen mit Mäusen, Hunden und Primaten das Lyme-Borreliose verursachende Pathogen erforscht und beschrieben wird. Man darf somit gespannt die weitere Entwicklung des geplanten Exzellenz-Zentrums und seiner Forschung, insbesondere zur Lyme-Borreliose, verfolgen.