Donnerstag, 22. Oktober 2009

Nachtrag - Lektion in Medizinökonomie

GlaxoSmithKline hat nach Analystenschätzungen inzwischen Aufträge für rund 440 Mio. Dosen Impfstoff gegen den Schweine-Grippe-Erreger H1N1 erhalten. Die Bestellungen dürften der Nummer drei der Pharmabranche in den nächsten Quartalen zusätzliche Erlöse von mehr als drei Mrd. Dollar bescheren. Weiterlesen in "Der Milliardensegen Schweinegrippe-Pandemie".

Doch es gibt auch noch andere Lektionen in Ökonomie zu lernen, die bei der jährlichen saisonalen Virusgrippe allerdings bislang niemanden interessieren:

Die ökonomischen Risiken einer Grippe-Epidemie/Pandemie:

1. Verlust von Humankapital
Arbeitsausfälle und deren Folgekosten. Verringerter Konsum (krank lässt es sich nur schwer shoppen...) und ggf. beeinträchtigte Lieferketten wg. Produktionseinschränkungen

2. Das hat Auswirkungen auf die Finanzmärkte
Rückgang der Aktienkurse

3. Den Gewinnern (Pharmafirmen etc.) stehen Verlierer gegenüber (Tourismusbranche, Flugverkehr, Einzelhandel etc.).

4. Eine Pandemie könnte zur Schrumpfung des BIP um bis zu 5 Prozent führen.

Zusammengestellt vom Pharmahersteller Roche - mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

Lektionen in Gesundheitsökonomie...

Vorgestern sah ich mir auf Arte die Doku "Wer profitiert von der Schweinegrippe?" an. Ich war gespannt, ob meine Panikrezeptoren den ständigen Impfaufrufen noch standhalten können.
Montags hatte ich mir schon auf ARD "Heilung unerwünscht" angetan. Inhalt in aller Kürze: Ein Arzt hatte eine Salbe gegen Psosiaris und Neurodermitis entwickelt, die praktisch nebenwirkungsfrei ist. Klinische Studie erfolgreich, Patentrechte gesichert. Doch die großen Pharmakonzerne weigern sich, die Erfindung auf den Markt zu bringen. Klaro, an chronisch Leidenden verdient man besser! Hier geht's zur Mediathek und zur Reportage.

Wenn man diese Nachricht von HoffmannLaRoche liest, in welcher der Konzern 2007 barmt, dass die Nachfrage nach Tamiflu stark gesunken sei und man sich danach gleich dem FAZ-online-Artikel "Seuchengefahr durch Bakterien" widmet, hat man seine Lektion in Medizinökonomie gelernt. Das meiste Geld verdiente LaRoche 2007 übrigens mit Krebs-; Grippe-und Osteoporosepräparaten. It's the economy, stupid!

Im FAZ-Artikel "Seuchengefahr durch Bakterien" heißt es u. a.: Wir haben zehn- bis fünfzehnmal so viele wissenschaftliche Beiträge zur Verbreitung von mehrfach resistenten Erregern als Vorträge über neue Antibiotika.“ Die bittere Wahrheit lautet: Seit Jahren wartet man auf neue, breit wirkende Antibiotika. „Wir bekommen nur mehr Vertreter der alten Antibiotika-Klassen, aber keine wirklichen neuen Waffen“, klagte Andreas Voss vom Canisius-Wilhemlmina-Krankenhaus in Nijmegen. Die Pharmaindustrie verabschiede sich nach und nach von der Entwicklung neuer Medikamente, weil diese nach den Zulassungsrichtlinien wohl nur in besonders schweren - und damit eher seltenen - Fällen angewendet werden würde, meine Baquero. „Das ist angesichts der Entwicklungszeit von zehn bis fünfzehn Jahren und ein bis zwei Milliarden Euro Entwicklungskosten wenig lukrativ“, sagte der Präsident der Europäischen Mikrobiologen-Gesellschaft ESCMID, Guiseppe Cornaglio. Die Schuld werde zwischen Industrie und Genehmigungsbehörden hin- und hergeschoben."

Der ranghöchste Gesundheitsbeamte der USA, General William Stuart erklärte 1969 vor dem Kongress: "We can close the book on infectious disease". Das Buch sollte vielleicht noch ein wenig aufgeschlagen bleiben, denn seit 1940 hat sich die Zahl neu auftretender Infektionskrankheiten fast vervierfacht - mit einem Höhepunkt in den 1980er Jahren. http://www.wissenschaft-online.de/artikel/943569, Spektrum direkt, 20.02.2008

Medizinische Forschung durch Pharmafirmen oder wie der Konsument, Patient und Steuerzahler gleich zwei Mal zur Kasse gebeten wird. Gestern, in der TV-Sendung "Hart aber fair", musste ein Politiker einräumen, dass man GlaxoSmithKline (GSK) zunächst etliche Euro der Steuerzahler spendierte, um den Pharmakonzern bei der Entwicklung des H1N1-Impfstoffs "zu unterstützen", anschließend lässt sich GSK den Impfstoff (wieder indirekt vom Steuerzahler) teuer bezahlen. Die Impfstoffproduktion wird auch nicht etwa ausgeschrieben, sondern einfach mal so, an eine Pharmafirma vergeben. Der Preis war - nach allem, was zu hören und zu lesen ist, dabei noch nicht einmal Verhandlungssache.
Hier ein Interview mit der Ärztin Dr. Spelsberg von Transparency International.

Vertiefend sei dem geneigten Blogleser noch "Echolot", der sehr gute Science-Blog von Marc Scheloske ans Herz gelegt. Beispiel: Unabhängige Forschung?

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Aus deutschen Arztpraxen... Heute: Patient Guido aus Koblenz

Immer wieder erreichen mich E-Mails, in denen Patienten schildern, was sie als Borreliosepatienten in diversen Arztpraxen und Krankenhäusern erleben.

Guido aus Koblenz wollte, dass ich seine "Begegnung der dritten Art" hier im Blog veröffentliche. Er kam mit hohem Antikörper-Titer und LTT gerade von einem Borreliosespezialisten.

Tag 1:
Arzt: "Die Antikörper sind unspezifisch, und der LTT ist ja sehr umstritten."
Guido: ???
Arzt: "Vielleicht machen wir noch mal eine Liquor-Untersuchung."
Guido: ??? Denn auf dem Tisch, genau vor dem Arzt, liegt die negativ ausgefallene Liquoruntersuchung, die vor Beginn der Antibiotika-Therapie erfolgte.
Guido: "Ich lasse mich lieber kreuzigen, denn das dauert nur einen halben Tag!" ;-)
Arzt: "Vielleicht machen wir noch eine MRT vom Kopf."
Guido: "Wenn ich da entzündliche Herde habe, will ich das gar nicht wissen! Außerdem wäre das ja auch nicht spezifisch, oder?"

Tag 2:
Guido: "Ich habe oft so starke Kopfschmerzen, dass ich das auch mit Schmerzmitteln nicht aushalten kann; auch dann nicht, wenn ich die Schmerzmittel kombiniere. Der Kopf brennt wie verrückt! Seit einem Jahr ist das dauernd und täglich, oft auch nachts, wurde allerdings durch Minocyclin und Gemifloxacin unterbrochen: da kam ich jeweils 2-3 Monate fast vollkommen ohne Schmerzmittel aus. Welche Schmerzmittel könnte man noch nehmen, denn zur Zeit ist es wieder sehr schlimm?"
Arzt: "Es könnte sein, dass die Schmerzen von den Schmerzmitteln verursacht werden."
Guido denkt, das ist ja der letzte Schrei aus der Schmerzforschung. Noch nie gehört!!
Guido: "Ich versuche es immer wieder ganz ohne Schmerzmittel. Das ist aber nicht auszuhalten."
Arzt: "Trinken sie denn genug?"
Guido denkt: ??? Der Arzt führt die Zusatzbezeichnung "Schmerztherapie", und wir gehen ja davon aus, dass ich chronische Neuro-Borreliose habe: deswegen gibt er mir ja die Infusionen! ;-)

Tag 3:
Arzt: "Also, ich bin mir sicher, dass Ihre Kopfschmerzen durch die Schmerzmittel unterhalten werden. Nehmen Sie am besten erst mal gar nichts!"
Arzt sucht eine Vene.
Guido: "Manche lassen sich ja auch einen Port legen." (Denn meine Venen sind "natürlich" schlecht).
Arzt: "Also, von diesen übertriebenen Antibiosen halte ich ja gar nichts!"
Anmerkung Guido: Das war, zusammen mit den 21 Wochen Rocephin, die 151. Infusion (sic!), die ich innerhalb von zwei Jahren bekommen hatte. Ich hatte das dem Arzt alles schriftlich gegeben.

Bild: Die drei Auffen, Foto von Marcus Tièschky - Gnu License

Sonntag, 18. Oktober 2009

US-Bundesstaat Rhode Island erkennt "Chronische Borreliose" als Krankheit an

Ich las heute zufällig, dass der US-Bundesstaat Rhode Island eine chronische Lyme-Borreliose als ein real existierendes Problem erkennt. Doch bedingt durch den fehlenden medizinischen Konsens sieht man sich gezwungen, die Art der Therapie dem jeweiligen Arzt zu überlassen. Das wiederum erfordert - anders als bei uns in Deutschland - dass diese Therapie durch die Versicherungsgesellschaft des Einzelnen gedeckt wird. Spätestens hier hat auch der Borreliosepatient in Rhode Island ein massives Problem.

Mehr darüber: http://www.health.ri.gov/disease/communicable/lyme/chroniclyme.php
Unten, im letzten Absatz.