Mittwoch, 9. September 2009

Die Serie geht weiter: Heute Teil 4 - Ehrlichiose beim Menschen

Wie bereits in einigen der älteren Posts beschrieben, können mit einem einzigen Zeckenstich sehr viele verschiedene Krankheitserreger übertragen werden - die Palette reicht von Babesien, Rickettsien über Tularämie-Erreger, Mikoplasmen, Bartonellen bis zu viralen Pathogenen. Eine sehr häufige Ko-Infektion ist die Ehrlichiose, die gerne mit der Borreliose Tandem fährt.

Grundsätzlich komplizieren Ko-Infektionen sowohl die Diagnose als auch die Behandlung!

Ehrlichien befallen die Monozyten/Makrophagen oder die Granulozyten und vermehren sich in den Zellen (man unterscheidet beim Menschen eine granulözytäre (HGE) und eine monozytäre Form (HME).

Typische Symptome sind u. a. : Anämie, Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit, Erbrechen, Erschöpfung, Leber- und Nierenfunktionsstörungen. Ein Drittel der Patienten weist auch eine Lungenbeteiligung mit unproduktivem Husten und ggf. Atemnot auf. (Siehe auch: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 97, Heft 38, September 2000, Baumgarten, Röllinghoff, Bogdan)

Die Ehrlichiose gilt als eine der "neu aufgetretenen Infektionskrankheiten" ("emerging infectious diseases), was aber vermutlich daran liegen könnte, dass man diese Krankheit bisher nicht oder selten diagnostiziert, da man den Erreger nicht anzüchten und mikrobiologisch nachweisen kann. Und ähnlich wie bei der Lyme-Borreliose registrierte man erkrankte Menschen zunächst in den USA, bevor man mit Verspätung in Europa nach Ehrlichiosen zu suchen begann. Entsprechend dürftig sind die bislang verfügbaren epidemiologischen Daten. (Quelle: Kimmig, Hassler, Braun "Zecken - Kleiner Stich mit bösen Folgen)

In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts grassierte eine Erkrankung in afrikanischen Kuhherden, die man "Heartwater" nannte und tödliche Folgen für die Rinder hatte. Diese zeckenverseuchten Rinder wurden auch in die Karibik exportiert, wo es ebenfalls zu Erkrankungen kam. Da man fürchtete, die Seuche könnte auf das nordamerikanische Festland übergreifen, interessierten sich insbesondere amerikanische Forscher für diese seltsame Krankheit. 1899, so Dr. D. Hassler in seinem "Brennpunkt Infektiologie"-Handbuch (s.189), begann man mit Versuchen, die Krankheit auf zuvor gesunde Tiere zu übertragen, um zu zeigen, dass sie infektiös war. Zum Glück für die beteiligten Forscher gelang dieses Experiment und es erübrigten sich die sonst so beliebten Selbstversuche.

Tierärzte kennen die Ehrlichiose also schon lange. Nur die Humanmediziner glaubten lange, das hätte mit ihnen nichts zu tun. Bereits 1935 fanden Donatien und Lestoquard in den Monozyten der Versuchshunde kleine Rickettsien-ähnliche Organismen, die sie Rickettsia canis nannten. Die Hunde hatten schweres Fieber und litten an Panzytopenie. Im Laufe der Zeit fand man den Erreger des Zeckenbissfiebers (Rickettsia phagocytophila), eine Erkrankung bei Tieren die man seit über 200 Jahren kannte. Inzwischen kennt man verschiedene Ehrlichienstämme, die u. a. Ehrlichiose des Hundes, der Katzen und der Pferde auslösen können, aber eben auch den Menschen befallen. Die Erreger wurden übrigens Paul Ehrlich zu Ehren in Ehrlichien umbenannt.

Laut Dr. D. Hassler werden weltweit bei Borreliosepatienten zwischen 6 und 14 % serologische Hinweise auf eine gleichzeitige Ehrlichiose-Infektion gefunden. In einer Untersuchung in Deutschland waren 14 % von 150 untersuchten Waldarbeiter seropositiv. Im Jahr 2000 wurden in Baden-Württemberg durch das Landesgesundheitsamt 4000 Seren auf Antikörper gegen Ehrlichien untersucht. Die durchschnittliche Positivrate betrug 11 %. Zecken, die man in Bayern im Raum Erlangen untersuchte waren zu 2 - 3 % mit Ehrlichien infiziert.

Selten, aber durchaus möglich ist, dass man sich über Blutkonserven mit Ehrlichien ansteckt. Es wurden entsprechende Studien in den US-Bundesstaaten Wisconsin und Connecticut durchgeführt. Eines der Ergebnisse: Von 992 getesteten Blutspendern waren in Connecticut 35 (= 3,5 %) mit Ehrlichien infiziert.

Über das normale (maschinell ausgewertete) Differenzialblutbild kann der Arzt übrigens keine Ehrlichiose feststellen. Hierzu sind wesentlich aufwändigere Diagnoseverfahren notwendig. Erschwerend kommt hinzu, dass es wesentlich mehr Ehrlichienspezies gibt, als gegenwärtig Testverfahren. Letzten Endes bleibt die Ehrlichiose eine klinische Diagnose. Das setzt voraus, dass der Arzt eine Ehrlichiose kennt und auch in seine Differenzialdiagnostik einbezieht.

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Gestern: NDR-Sendung "Visite" mit einem "Borreliose-Experten"

Oh je... gestern abend war es mit der Gemütlichkeit schnell vorbei. "Borreliose" lautete das Thema der NDR-Sendung, doch was man sich dann von dem als "Experten" eingeladenen Professor Dr. med. anhören musste, war leider gar nicht lustig. Diese schlecht recherchierte Sendung verdient eindeutig die Bezeichnung "gezielte Volksverdummung".

Es wurden Aussagen getroffen, die vielen medizinischen Studienergebnissen widersprechen.


Achtung! Diese Sendung könnte ihre Gesundheit gefährden!

"Das häufigste Krankheitsbild, das im Zusammenhang mit der Lyme-Borreliose entsteht, ist die sogenannte Wanderröte", entfuhr es dem Professor. Und auf die Nachfrage der Redakteurin "Kommt sie (die Wanderröte) immer?", setzt er unverdrossen nach: "Nicht immer, aber in 80 % der Fälle."

Sollte der Herr Professor die Studienlage nicht kennen? Eine 2003 bundesweit durchgeführte Studie mit rund 4000 Patienten ergab, dass lediglich 50,9% eine Wanderröte aufzuweisen hatten. Nachzulesen in: "Epidemiology and therapy of Lyme arthritis and other manifestations of Lyme borreliosis in Germany: results of a nation-wide survey", veröffentlicht im Jahr 2003 in der Zeitschrift für Rheumatologie.

Die Krönung war die Aussage: "Die antibiotische Therapie, wenn sie leitliniengerecht durchgeführt wird, beseitigt den Erreger zuverlässig!"

Ei der Daus! Der Herr Professor weiß nicht, dass es in Deutschland keine einzige Lyme-Borreliose-Leitlinie gibt? Dem Herrn Professor ist nicht bekannt, dass die US-Leitlinie vom Justizministerium "kassiert" wurde? Welche Leitlinie meinte der "Experte" eigentlich?
Meine Frage im späteren Chat, welche Leitlinie gemeint sei, wurde denn auch prompt nicht beantwortet. Siehe auch hierzu meinen früheren Post zu den Untersuchungen des US-Justizministers in Connecticut.

Im Chat wurde weiterer Unsinn verbreitet. Auf die Frage einer an Borreliose erkrankten Schwangeren, ob die Borreliose ihre Schwangerschaft bzw. den Fötus gefährden könnte, verneinte er diese Möglichkeit. Und wieder scheint er die Studienlage nicht zu kennen: Bereits 1994 veröffentlichten Silver et al. in ihrer Studie "Fetal outcome in murine Lyme Disease", dass es sogar zum Tod von Föten kommen kann, wenn die Mutter mit Borreliose infiziert ist. Darüber hinaus infiziert die Mutter ungewollt ihren Fötus, siehe Studie "Maternal-fetal transmission of the Lyme Disease spirochete, Borrelia burgdorferi" von Schlesinger et al. , 1986. Selbst im Fachbuch "Gynäkologie und Geburtshilfe" könnte unser Professor nachlesen, dass es zur transplazentalen Infektion des Kindes kommen kann. Wenn das keine Schädigung des Kindes ist, was dann?

Halten wir fest: Diese Sendung war im Großen und Ganzen ausgemachter Blödsinn und sogar gefährlich. Denn sie leistet weiteren Missverständnissen im Bereich der Lyme-Borreliose Vorschub. Tausende Zuschauer lehnten sich nach dieser Sendung vermutlich entspannt zurück: Borreliose ist offenbar ganz harmlos und gut mit ein paar Wochen Antibiose zu heilen. Welch' ein Hohn!