Samstag, 8. August 2009

Zusammenfassung der IDSA-Anhörung vom 30. Juli

Ich kann's einfach nicht lassen (*grins*). Kaum habe ich im Urlaub eine Möglichkeit, mal kurz "online" zu gehen, schon blogge ich weiter.

Ich fasse mal grob zusammen, was ich dem "Under our skin Blog" zur IDSA-Anhörung entnehmen konnte:

1. Die Leitlinien sind angesichts des wissenschaftlichen Kenntnisstands zu eng gefasst
Diagnostik und Therapie der Lyme-Borreliose sind nach wie vor unsicher. Daher benötigen Ärzte Therapiefreiheit, bis diese Krankheit besser verstanden wird. Basierend auf einer nationalen Umfrage in Kalifornien, blieben 58 % der Borreliosepatienten krank, nachdem sie gemäß den IDSA-Leitlinien therapiert worden sind; 60 % ging es nach einer antibiotischen Langzeittherapie besser. Obwohl die medizinischen Leitlinien der IDSA freiwillig anzuwenden sind, nutzen Versicherungsgesellschaften weitgehend diese Leitlinien, um Mediziner in ihrem klinischen Urteil zu begrenzen und kranke Patienten von der einzigen Therapieoption (Langzeitantibiotika) fernzuhalten, die sie wieder in ihr normales Leben zurückbringen kann.

2. Langzeit-Antibiosen helfen Patienten
Eine akribisch durchgeführte Analyse von 4 peer-reviewed Studien, die die IDSA nutzte, um Patienten eine längere Behandlungszeit mit Antibiotika vorzuenthalten, zeigte, dass zwei dieser Studien ernstzunehmende Fehler im Studiendesign aufwiesen; die beiden anderen zeigten, dass es Patienten nach 6 Wochen mit intravenös verabreichten Antibiotika besser ging. Diese vier Studien basierten lediglich auf 207 teilnehmenden Patienten und einem einzigen Antibiotikum. Dies zeigt, dass deutlich mehr Forschung vonnöten ist. Eine weitere Korrektur muss vorgenommen werden. Dr. Volkman glaubt, und so wird es in den IDSA-Leitlinien empfohlen, dass 2 Tabletten Lyme-Borreliose heilen können; tatsächlich schlug diese "Therapie" in 80 % der Fälle fehl. Diese Empfehlung muss aus den Leitlinien gestrichen werden.

3. Chronische Borreliose wird durch eine persistierende Infektion verursacht
Der Mediziner Benjamin Luft präsentierte überwältigende Beweise, die zeigen, dass Borrelien auch nach den von der IDSA empfohlenen 2 - 4-wöchigen Antibiotikatherapie überleben. Er zitierte Bartholds Mäusestudie und andere, die die vielfältigen "Escape"-Mechanismen der Borrelien im Körper nachwiesen. Insgesamt überwiegen die Beweise für die Existenz einer chronischen Borreliose bei weitem die Meinungen der IDSA-Experten, die behaupten, dass Symptome, die auch nach einer (Kurzzeit) Behandlung fortdauern, einem nicht weiter erklärbaren "Syndrom" namens Post-Lyme Syndrom zuzuordnen wären.

4. Zuverlässige Tests müssen her
Dr. Stricker (sowie andere) zeigten, dass der zweistufige Borreliosetest (von der IDSA vorgeschlagen), zwar hochspezifisch ist, jedoch die nötige Sensitivität vermissen lässt. 88 von 200 Borreliosepatienten werden damit nicht erfasst. Tausende Borreliosepatienten bleiben damit falsch- bzw. nicht-diagnostiziert und ungezählt. Die US-Seuchenbehörde (CDC) gibt zu, dass die nicht-gemeldeten US-Borreliosefälle das bis zu 6 bis 12-fache pro Jahr ausmachen. Die CDC-Sprecherin steht dennoch zum zweistufigen Testverfahren, obwohl die Experten sich geschockt zeigten, dass die CDC-Empfehlung auf einer jahrzehntealten Studie mit lediglich 26 Patienten basiert.

Während der Anhörung zeigten sich die 9 Experten sehr aufmerksam. Dieses Gremium wird nun einige Monate benötigen, um alle Informationen, die anlässlich der Anhörung vermittelt wurden, einzuschätzen und darüber zu befinden, ob die medizinischen Leitlinien beibehalten, modifiziert oder komplett neu geschrieben werden müssen. Vermutlich wird das Expertengremium seine Bewertung am Ende diesen Jahres vornehmen.

Drei Tage nach der achtstündigen Anhörung sagte die IDSA-Vorsitzende unverdrossen: "Die Ärzte und Wissenschaftler, die die medizinischen Leitlinien der IDSA formulierten, haben dabei alle medizinischen Erkenntnisse gründlich überprüft und große Sorgfalt darauf verwandt, den Ansprüchen einer kleinen Minderheit von Ärzten Rechnung zu tragen, die eine Langzeit-Antibiose befürworten." Die Idee, dass die Leitlinienautoren finanzielle Interessenskonflikte verschwiegen hätten, sei absurd, so die Dame weiter, angesichts der Tatsache, dass die Leitlinien generische Tests und eine kurze Behandlung mit Generika empfehlen.

Die CALDA-Aktivistin Lorraine Johnson fasst das Ganze zusammen: Diese Anhörung zeigt, dass das Gewicht der Wissenschaft auf die Seite der Therapieoptionen für Patienten fällt. Die Sprecher, die die 2006 formulierten Leitlinien befürworten, verließen sich dabei über Gebühr auf Vermutungen, Glauben und Reputationen. Dabei beförderten sie eine unbegründete somatische Störungshypothese zu einer möglichen Erklärung für alle Patienten, die krank bleiben. Hypothesen, Vermutungen und Glauben sind keine Wissenschaft und hoffentlich wird dieses Gremium dies erkennen und diese Leitlinien demontieren.

Dr. Ken Liegner wird zitiert mit: "Dies ist ein beachtliches Pathogen. Gegenüber dieser Krankheit sollten wir Demut zeigen." Immerhin bestellte die IDSA 9 Kopien des Films "Under our skin" für ihr Gremium. Na, wenn das kein Fortschritt ist...

Liebe Leute, ich mach jetzt weiter Urlaub und werde vermutlich die nächsten Tage wieder nicht online sein können.

Ich möchte mich nochmals bei allen "Kommentaristen" bedanken, die immerhin ihre kostbare Zeit für einige Minuten meinem Blog und diesem Thema widmen. Herzlichen Dank!

Und: sagt es allen weiter!