Mittwoch, 22. Juli 2009

Haarsträubender Artikel im Kölner Stadtanzeiger!

Gestern abend war's es mit der Gemütlichkeit schnell vorbei. Ein Artikel im Magazin des Kölner Stadt-Anzeigers ließ mir fast die Zeitung aus der Hand fallen. "Die Zecke als Sündenbock" titelte fröhlich der Autor Walter Willems.

Vage gesundheitliche Probleme, so ist zu lesen, führen Patienten immer häufiger auf eine Borreliose zurück. Im Folgenden stößt der erstaunte Leser auf die Klage eines Neurologen, dass die Borreliose zu einem Sammelbecken für Spekulationen und Befürchtungen geworden sei. Zwar wird in dem Artikel eingeräumt, es sei unstrittig, dass die Bakterien (der Autor meint wohl Borrelia burgdorferi) noch nach Jahren ein enormes Spektrum von Symptomen hervorrufen können. Eine Vielfalt, die Ärzten die Diagnose erschwert, wie eingeräumt wird. Doch dann holt man uralte Zahlen des Robert Koch Instituts aus der Asservatenkammer - angeblich erkranken bundesweit pro Jahr zwischen 60.000 bis 100.000 Menschen. Diese Zahl ist 16 Jahre alt!!!!! Und das wird und wurde offenbar vom werten Autor nicht hinterfragt.

Typischster Warnhinweis sei die Wanderröte, wird dann weiter behauptet. Der unbedarfte Leser lehnt sich entspannt zurück. Solange man keine Wanderröte hat... na, dann ist ja alles in Butter.

Die beiden Mediziner sollten eigentlich über die Studienlage informiert sein. Zum Beispiel veröffentlichten bereits 2003 Forscher in der Zeitschrift für Rheumatologie die Ergebnisse ihrer bundesweiten Studie "Epidemiology and therapy of Lyme arthritis and other manifestations of Lyme borreliosis in Germany: results of a nation-wide survey". Von nahezu 4000 untersuchten Borreliosepatienten hatten lediglich 50,9 % eine Wanderröhte (Erythema migrans) aufzuweisen.

Hallo? Was macht dann die andere Hälfte der Betroffenen? Warten auf die Wanderröte, die niemals kommt? Warten auf Godot? Warten, bis die "generalisierten" Beschwerden vom Arzt als "psychosomatisch" diagnostiziert werden, da er sich ja durch diesen skandalösen Stadt-Anzeiger-Artikel bestärkt fühlt?

Der Artikel endet mit der fast schon zynisch klingenden Bemerkung des Mediziners: "Man sollte sich nicht unbedingt mit der Diagnose chronische Borreliose zufrieden geben, sondern auch für andere Erklärungen offen sein. Viele Patienten wollen den Hinweis auf eine mögliche psychosomatische Ursache nicht hören."

Richtig! Die Patienten wollen nicht mit der diagnostischen Allzweckwaffe "psychosomatisch traktiert werden, mit der manche Ärzte wohl alles bezeichnen, was sie sich nicht erklären können! Die Diagnose "psychosomatisch-induziert" hilft so manchem, der von angeblich zu engen Budgets strangulierten Mediziner, den Patienten von weiteren Praxisbesuchen abzuhalten. Ganz elegant gerät der Patient überdies in die Beweisnot. Nicht der Arzt hat ihm die Krankheit nachzuweisen, sondern der Patient muss nun dem Arzt "beweisen", dass seine Beschwerden nicht psychosomatisch, sondern z. B. infektiös-bedingt sind.
In der Vergangenheit verstieg sich so mancher sogar auf die ominöse "Krebs-Persönlichkeit", über die Krebskranke ggf. verfügen. Sollten sich Frauen mit Gebärmutterhalskrebs allen Ernstes fragen, ob ihr Tumor partiell psychisch bedingt ist, oder war da mal was mit humanen Papillomviren? Für die These der sogenannten Krebspersönlichkeit gab es nie Beweise, dafür jede Menge verunsicherter Patienten, die für ihr Leid auch noch indirekt verantwortlich gemacht wurden. Es gibt also Krebs mit infektiöser Genese... ei der Daus, wer hätte das gedacht, nicht wahr?

Fazit nach Lesen des Artikels:
Ein auffallend schlecht recherchierter Artikel, in dem entscheidende Informationen fehlen. Kein Wort über korrumpierte Leitlinien in den USA, die eine chronische Borreliose gezielt verleugneten. Wie ich in einem Leserbrief schrieb, haben diese Leitlinien einen enormen Einfluss auf die Patienten in Deutschland. Dass es angeblich keine chronische Borreliose gibt, lässt nicht nur in den USA die Herzen der Versicherer höher schlagen. Auch hierzulande freut eine solche Feststellung die Versicherungen, Berufsgenossenschaften und manche budget-geplagten Mediziner.

Ach so, und wenn das so ist, dass es keine „chronische Borreliose“ gibt, dann ist der Patient nach einer dreiwöchigen Antibiotikagabe „leitliniengerecht“ geheilt. Pech für die Wirklichkeit, gell? Was und wen interessieren da die zahlreichen Studien, die die Escape-und Persistenzmechanismen von Borrelia burgdorferi belegen?

Wie ich gestern schrieb, mussten sich noch bis 1984 Gastritispatienten anhören, ihre Magenbeschwerden lägen wahlweise am Rauchen, am Stress, an ungesunder Ernährung oder an allem zusammen. Heute weiß man, dass das Bakterium Helicobacter pylori nachweislich für die Mehrzahl der Magengeschwüre und –schleimhautentzündungen verantwortlich ist. Früher glaubte man auch mal, dass die Erde eine Scheibe sei. Genau in diesem Kontext darf man getrost Äußerungen wie "Es gibt keine chronische Borreliose" betrachten.

Wie bereits in meinem Leserbrief geschrieben: Vielleicht sollten auch Neurologen einfach mal einräumen, dass man mehr als 30 Jahre nach Entdeckung von Borrelia burgdorferi immer noch wenig über diese komplexe, multisystemische Erkrankung weiß.

Und: Wenn man nicht genug weiß, vielleicht einfach mal die Klappe halten?!

Dienstag, 21. Juli 2009

Die Serie geht weiter. Heute Teil 3. Die Babesiose , eine der sogenannten Ko-Infektionen

Heute möchte ich über eine Ko-Infektion schreiben, nach der die meisten Ärzte bislang nicht fahnden, die angeblich selten sein soll und die doch sehr häufig, zusammen mit Borrelien Tandem fährt: die Babesiose oder auch Hundemalaria.

Zur Erinnerung: Zecken übertragen sehr viele Krankheitserreger - bis zu 50 weltweit! Die Babesiose ist eine von ihnen und kann bereits nach einem kurzen Saugakt übertragen werden. Aber, das erzählt einem niemand, denn man weiß noch viel zu wenig über diese "kleine Schwester der Malaria", wie sie der Arzt und Wissenschaftler Dr. Hassler bezeichnet.

Tatsache ist: es gibt noch keine zuverlässigen Tests für den in Europa vorherrschenden humanpathogenen Erreger Babesia divergens. Die Labore, die überhaupt auf Babesien testen, greifen - soweit ich weiß - auf die US-Spezies Babesia microti zurück - in Ermangelung anderer Möglichkeiten.
Als Arzt müsste man schon zum Mikroskop greifen, um die Viecher dingfest zu machen, doch wer tut das heutzutage noch? Also könnte man auch sagen: Babesiose gilt bislang als selten, weil sie typischerweise nicht diagnostiziert wird. Sie wird kaum diagnostiziert, weil viele Ärzte diese Infektion 1. nicht in Betracht ziehen und weil es 2. bislang keine wirklich zuverlässigen serologischen Tests mit den passenden (!) Babesienstämmen gibt.

Wie gesagt, wo werden bei unklaren Beschwerden Blutausstriche (GIEMSA-Färbung) noch von Hand ausgewertet?

Ein weiteres Problem ist, dass die Babesiose bislang eher als "Tier-Krankheit" (v. a. Hunde) betrachtet wurde und man wenig in Richtung auf "humanpathogen" forschte.

Eine Borreliose-Therapie kann nicht erfolgreich sein, wenn man nicht auch weitere, durch Zecken verursachte Infektionen, wie z. B. die Babesiose ausschließen kann. Patienten, die nur schlecht auf das gegebene Antibiotika-Regime ansprechen, leiden sehr wahrscheinlich unter weiteren Ko-Infektionen, die mit alleinigen Antibiotika-Gaben nicht therapiert werden können, da diese z. B. nicht durch Bakterien verursacht werden, sondern - wie im Fall der Babesiose - durch Piroplasmen, die die roten Blutkörperchen befallen.

In den USA kommen immer mehr Borreliosespezialisten zu der Auffassung, dass Ko-Infektionen nicht die Ausnahme sondern die Regel darstellen (Quelle: James Schaller, M.D., Diagnosis and Treatment of Babesia)! Auch in Deutschland haben z. B. die Ärzte des Borreliose Centrums Augsburg erkannt, welchen Stellenwert diese unterschätzten Infektionen haben. Siehe: Zunehmende Bedeutung der Co-Infektionen bei Borreliose-Patienten

Babesiose kann die Ursache sein für:

  • Fieberschübe unbekannter Ursache
  • unerklärliche Schweißausbrüche
  • Schüttelfrost
  • Kopfschmerzen
  • Enorme Müdigkeit
  • unerklärliche "Asthma"-Anfälle, Luftnot
  • unerklärliche Leberwertveränderungen
  • "Blutarmut" unbekannter Ursache (Auflösung der roten Blutkörperchen)
  • Leukopenie (Verminderung der weißen Blutkörperchen)
  • Übelkeit, Magen-Darmprobleme
  • Milzschwellung
Etliche dieser Symptome können kaum von Borreliose-Symptomen abgegrenzt werden. Doch während die Borreliose häufig "schleichend" beginnt, kann sich eine Babesien-Infektion recht "plötzlich" mit hohem Fieber zeigen.

Babesien können, genauso wie Borrelien, durch schwangere erkrankte Mütter auf ihren Fötus übertragen werden! "Probable congenital Babesiosis in Infant, New Jersey, USA", Emerging Infectious Disease, Vol. 15, No. 5, May 2009"

Achtung Blutkonserven! Mit Babesien kann man sich auch mittels Bluttransfusion infizieren, da Babesienträger beim Blutspenden nicht erkannt werden und sich die Babesien auch unter Kühlschrankbedingungen 14 Tage halten. Wenn einem immunsupprimierten Menschen eine solche Blutkonserve gegeben wird, kann das letale Folgen haben. (Quelle: Immunhämatologie und Transfusionsmedizin, Reinhold Eckstein, S. 141).

Und wie kann Babesiose therapiert werden?
Tja, die Therapie ist eigentlich langwierig, teuer und war bis Ende der Neunziger Jahre schwierig, da man eine Kombination des Malariamittels Chinin und Clindamycin verwendete. Viele Patienten mussten die Behandlung abbrechen, da sie schwerwiegende Nebenwirkungen hervorrief - erfolgreich war sie gerade mal bei ca. 50 % der Behandelten.
Inzwischen verwendet man häufig die Kombination aus dem Wirkstoff Atovaquon plus einem Makrolid-Antibiotikum. Empfohlen wird eine monatelange Behandlung (mind. 4 Monate) und dennoch kann es zu Rückfällen kommen. (Quelle: James Schaller, M.D.)

Tja, und mit Babesiose ist die Liste der von Zecken übertragenen Infektionen leider noch lange nicht vollständig. Dumm nur, dass man bezüglich Forschung und Erkenntnisse erst am Anfang steht. Es ist wie mit dem Bakterium "helicobacter pylori". Bis zu seiner Entdeckung, 1983, mussten sich Menschen mit Magenschleimhautentzündungen oder Magengeschwüren anhören, es läge am Rauchen, am Stress, an ungesundem Essen. Kein Wunder, dass sie Magenprobleme hatten. Erst seit Kurzem weiß man, dass Helicobacter ein Erreger ist, der in Mitteleuropa mehr Todesfälle verursacht als alle anderen Infektionskrankheiten zusammen, einschließlich Hepatitis, Aids, Typhus und Tuberkulose (Kunstmann, Chr., Medical tribune, 43. Jg., Nr. 28, S. 2).

Vermutlich wird man eines Tages feststellen, dass auch Parkinson oder Morbus Alzheimer durch Bakterien, Viren o. ä. hervorgerufen werden - nicht zu vergessen auch verschiedene Krebserkrankungen! Unser Helicobacter gilt nicht umsonst als kanzerogen. Eine ähnliche Geschichte hat ja auch das humane Papillomavirus aufzuweisen; inzwischen weiß man, dass
einige HPV-Typen bösartige Veränderungen hervorrufen, insbesondere Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) bei der Frau. Man vermutet, dass auch ein erheblicher Teil der Scheiden-, Penis- und Anal-Karzinome Folge einer solchen HPV-Infektion ist.

Wie gesagt: bei dem Thema der durch Zecken übertragenen Infektionen stehen wir erst am Beginn eines langen Forschungsweges. Bis dahin zanken sich Verfechter der konkurrierenden Leitlinien und die Patienten leiden.

Sonntag, 19. Juli 2009

Am 30. Juli wird's spannend! Anhörung zu den korrumpierten Behandlungsleitlinien in den USA!


In den USA wird es eine ganztägige Anhörung zu der 2006 verabschiedeten und heftig umstrittenen medizinischen Leitlinie der Infectious Diseases Society of America (IDSA) geben. Teilnehmen werden Patienten bzw. Vertreter der Patientenorganisationen wie z. B. der California Lyme Disease Association, Ärzte wie Ken Liegner, Raphael Stricker (ILADS), Wissenschaftler wie Sam Donta sowie Vertreter der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC (Center of Disease Controls) u. v. a.

Die von der IDSA veröffentliche medizinische Leitlinie, die vom US-Justizministerium des Staates Connecticut, im Juli 2008 "aus dem Verkehr gezogen wurde", hat bedeutenden Einfluss auf die Behandlung der Borreliosepatienten hierzulande! Die Mitglieder der Leitlinienkommission verheimlichten Kapitalinteressen (u. a. Zuwendungen von Versicherungsgesellschaften, Impfherstellern etc.) und unterschlugen die Studienergebnisse, die zeigten, dass die Borreliose chronisch werden kann. Viele Ärzte und Patienten glauben daher auch in Deutschland, dass Borreliose mit einer Antibiotikatherapie von z. B. 3 Wochen komplett ausgeheilt sei und es keine chronische Borreliose gibt.
Nichts davon stimmt. Leider wissen viele Ärzte immer noch nicht, dass diese korrumpierten Leitlinien nicht mehr gelten und neue erarbeitet werden müssen. Also, bitte weitersagen! :-)